Schwerstarbeit II

Am Freitag nach dem Thera-Termin ging es hauptsächlich um ein Thema: Angst.

Während des Termines kam eine Erinnerung hoch – unerwartet, denn es ging eigentlich um etwas ganz anderes. Diese Erinnerung hat mir kurzfristig die Luft genommen – doch ich hing nicht darin fest – ich war sehr schnell wieder im Heute (zumindest zeitlich und räumlich).

Aber noch verwirrt, durcheinander und von noch einige andere Gefühlen gebeutelt, die nicht so greifbar waren. Es war mehr ein Wirbelsturm der Gefühle und den griffen wir dann nochmal auf.

Es endete in Tränen, Schluchzen – der Körper reagierte und ich versuchte verzweifelt das in den Griff zu bekommen.

Tränen machen Angst. Früher passierte immer etwas sehr Schlimmes wenn wir mal eine Träne vergossen. Am Schlimmsten war es, wenn eine in einer Missbrauchssituation floß. Trost gab es nicht – es gab sicher ein paar – wohl auch ernst gemeinte – Versuche ab und an – Versuche, die mir zeigen, dass meine Eltern gar nicht wissen wie man tröstet.

Hat man sich als Kind z.Bsp den Kopf angeschlagen, sah der Trost so aus, dass man scherzhaft drauf hingewiesen wurde, dass der Tisch/Boden/Schrank jetzt eine Macke hatte oder dass man eben aufpassen müsste usw. Das war noch nicht mal böse gemeint damals.

Aber dass wir mal in den Arm genommen wurden – gab es nicht. Selbst die oben genannten Versuche gab es nur, wenn man sich verletzt hatte.

Tränen waren gefährlich, denn meine Eltern, vor allem meine Mutter, fand da dann immer eine Begründung oder Grundlage für einen Missbrauch. Sie passten einfach nicht in das Bild der „heilen Familie“ – denn da muss man ja nicht weinen – und deshalb durfte es das auch nicht geben.

Noch heute fällt es mir schwer, Gefühle zuzulassen. Nur sehr sehr wenige Menschen haben mich mal in einer Situation erlebt, in der Tränen flossen. In der Regel sind das dann auch höchstens 2 oder 3.

Oh – es gab Situationen – der Nervenzusammenbruch nach der Gallen-Op vor ein paar Jahre (war alles etwas zu viel im Krankenhaus und da ich mich kaum rühren konnte und in einem Zustand entlassen wurde – auf eigenen Wunsch – der eher fragwürdig war, war das kein Wunder) oder auch der vor fast 2 Jahren, als sich die Situation in der alten Wohnung so zugespitzt hat, dass gar nichts mehr ging.

Doch wenn ich diese Ausnahme-Situationen weglasse, sieht man mich nicht weinen.

Sehr oft geht es in der Therapie nur darum Gefühle zuzulassen. Das klappt mittlerweile ganz gut, solange es nicht um Tränen geht.

Tränen sind wie ein Schalter der sich umlegt – sofort ist die Panik da.

In der Thera war ich überzeugt davon, dass mit der Thera jetzt gleich den Kopf abschlagen wird oder sonst etwas ganz Schlimmes passieren wird. Nicht wegen dem was hochkam – nein wegen der Tränen und dem Schluchzen.

Bis heute war ich themenmäßig damit beschäftigt – und erst heute merke ich, dass das andere – die Erinnerung – zu wirken anfängt. Dass ich am Freitag in der Thera geheult habe, es auch nicht in den Griff bekam, weil schlicht der Körper einfach nur reagiert hat – und die daraus resultierende Angst (Panik war es nur kurz direkt danach) – hat mich bis heute beschäftigt. Erst jetzt kann ich langsam sagen, dass ich es für mich abschließen kann – für diesmal.

Und weil das so ist, kann die Erinnerung jetzt Raum bekommen (oder sie nimmt sie sich – je nachdem).

Es ist nicht so, dass es mir damit jetzt sehr schlecht ginge – es ist mehr so, als wäre es halt ständig da – wie ein starker Muskelkater oder so – man kann noch alles machen, aber bei jeder Bewegung merkt man halt, dass da was ist. Nur dass es sich auf subtilere Art zeigt.

In mir passiert grade etwas, rumort etwas, sortiert sich etwas – und ich kann nicht wirklich eingreifen – es ist wie ein leichter Druck der ständig da ist, ein Gefühlswirrwarr, das nicht heftig ist, aber so präsent, dass man es auch wahrnimmt ohne sich drauf konzentrieren zu müssen.

Es arbeitet und es braucht noch Hilfe um das abschließen zu können. Noch weiss ich nicht genau wie diese Hilfe aussehen wird – aber aus Erfahrung weiss ich, dass sich dieses Gefühl da schon klar ausdrücken wird, wenn es so weit ist. Bis dahin heisst es achtsam bleiben, auf mich acht geben, viel Ruhe gönnen, mir Gutes tun und es akzeptieren und Geduld haben.

Grade dieses Geduldhaben und Abwarten fällt mir schwer, auch wenn ich aus unzähligen – positiven – Erfahrungen weiss, dass ich jetzt weder etwas erzwingen kann, noch dass ich damit etwas erreiche.

Im Moment braucht es noch diese Zeit – es ist ein Arbeiten, das noch kein Eingreifen braucht, sondern einfach nur Zeit.

Spätestens am Mittwoch beim nächsten Thera-Termin werde ich mir das nochmal genauer anschauen.

Es fühlt sich richtig an – es ist der richtige Weg – das heisst aber nicht, dass mir der immer gefallen muss.

Geduld – zumindest mit mir selbst – war noch nie meine Stärke.

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