Ein langwieriger Prozess II

Der Umzug war sozusagen eher der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte – nur halt im positiven Sinne.

Meine Kindheit aufzuarbeiten war und ist natürlich nur möglich, wenn ich auf tragfähigem und stabilen Boden stehe. Der Umzug war sozusagen das letzte Puzzleteil für diesen Boden.

Doch damit das eine Puzzlestück einen tragfähigen Untergrund bieten kann, brauchte es sehr sehr viele andere Puzzleteile, die eben schon vorher zusammengesetzt wurden oder zumindest sortiert.

Ich mache seit etwa 18 Jahren Therapie. Die ersten Jahre waren eher kontraproduktiv, da ich einfach die für mich falschen Therapeuten hatte. Leider erkannte ich das erst nach 5 Jahren.

1997 war ein stationärer Aufenthalt der alles veränderte. Zum ersten Mal geriet ich an Therapeuten, die die für mich richtige therpeut. Vorgehensweise angingen.

Dabei sah ich das damals ganz anders. Bis dahin erfuhr ich nur Druck. Therapie war etwas für mich, was schmerzhaft ist, sehr viel auslöst und lähmt.

Denn sämtliche Therapeuten (insgesamt drei bis dahin) waren – für mich – grenzüberschreitend. Es waren Therapiearten, die mir nicht gut taten.

Dann war ich da stationär und die nehmen jeden Druck raus. Ich sollte nur zu den Terminen gehen, die ich wahrnehmen wollte und eben lernen meine Grenzen zu erkennen und klar zu machen.

Das war für mich neu – es hatte noch nie jemanden interessiert wo meine Grenzen waren und ich wusste gar nicht, wo meine Grenzen sind – es war eine „neue Welt“ sozusagen.

Ein Jahr war ich dort, es dauerte ein halbes Jahr bis ich mich wirklich drauf einlassen konnte.

Ich hatte unglaubliches Glück an Therapeuten zu geraten, die erkannten, was ich brauche, die bereit waren mir zu zeigen, dass es eben um meine Grenzen ging und nicht um Druck, nicht mehr um die Rolle die ich spielen muss, sondern um mich und vor allem: die die Geduld aufbrachten und mir die Zeit gaben.

Denn auch in dieser Einrichtung waren 8-16 Wochen eher die gängige Zeit. Es kam äußerst selten vor, dass jemand deutlich länger dort blieb.

In dieser Zeit verstarb mein Verlobter an Krebs und damit zerriss jede Verbindung zum damaligen Wohnort und ich entschied hierhin zu ziehen.

Zwei Jahre blieb ich ambulant bei dem Therapeuten der Klinik – bis er leider wegzog. Er half mir einen passenden Therapeuten zu finden, denn ich wäre dazu gar nicht in der Lage gewesen.

Damals konnte ich nichts erzählen von mir, meinem Leben. Ich war gefangen in Panikattacken und ständiger latenter Suizidalität. Immer wenn es um mich ging, erstarrte ich, was natürlich jede Therapie schwierig machte.

Doch der Therapeut wusste was er tat und auch der folgende wusste es.

Trotzdem war es eine sehr harte Zeit.

Weitere vier Jahre Therapie – in der Regel zweimal die Woche – folgten – bis die Krankenkasse keine Therapiestunden mehr übernehmen wollte – ich hatte die max. Anzahl bekommen und fiel in die 2-jährige Sperre – erst nach diesen 2 Jahren konnte ich wieder eine Therapie beantragen.

Und so landete ich beim aktuellen Therapeuten, der über die Ambulanz arbeitet und somit anders abrechnen kann. Geplant war damals halt die 2 Jahre irgendwie überbrücken/überleben.

In der Ambulanz haben sich einige auf Traumatherapie spezialisiert – und bei so jemanden landete ich.

All diese Therapeuten mit ihren doch unterschiedlichen Arten, Grundcharakteren erarbeitete mit mir einzelne Puzzlestücke für den tragfähigen Boden. Das wurde mir allerdings erst im Nachhinein klar.

Dort in der Ambulanz ging es dann jahrelang nur um Krisenmanagement – denn ich stolperte von einer Krise in die nächste. Bis dahin hatte ich 3 längere stationäre Aufenthalte in einer Psychosomatik oder Psychiatrie, während des einen langen Aufenthaltes den ich oben erwähnte war ich ein paar mal zur Krisenintervention auf einer geschlossenen Station (damals ein anderes Krankenhaus) – jeweils immer nur für wenige Tage – dann wieder zurück.

Beim letzten Therapeuten vor der Ambulanz hatten wir einen stationären Aufenthalt in einer Traumaklinik erarbeitet und dieser Aufenthalt war eher eine Retraumatisierung (heute weiss ich, dass ich bei weitem nicht stabil genug dafür war und vor allem: für mich das stationär nicht möglich war, weil ich viel zu lange brauchte um Vertrauen aufzubauen – es konnte so nur schiefgehen, Pech kam noch dazu, da diese Klinik ihre Traumastation grade umstrukturieren – doppelt so viele Betten, aber nicht mehr Therapeuten).

Es war für mich eine Horrorvorstellung nochmal stationär zu gehen. Die Ambulanz gehörte da irgendwie dazu – doch ich hatte nur die Wahl: Ambulanz oder eben gar nichts

Und wieder die Erfahrung: es war wichtig und gut so – es war ein weiteres wichtiges Puzzlestückchen.

Wäre ich schon vorher dort gelandet, wäre es schief gelaufen, aber die Jahre Therapie davor haben möglich gemacht, dass ich das Angebot in der Ambulanz gut nutzen konnte.

Vier Jahre bin ich jetzt dort – es waren harte Jahre. Doch wieder habe ich unglaubliches Glück.

Denn ich hab meine 2 Termine die Woche, weitestgehend regelmässig, bei einem Therapeuten mit dem ich sehr gut zusammenarbeiten kann. Wir hatten unsere Probleme, wir hatten auch eine handfeste Krise – es war sehr unklar ob wir das nochmal hinkriegen – aber wir haben es geschafft.

Diese zwei Jahre Hölle in der alten Wohnung – und die Therapie die da stattfand, dass der Therapeut auch da war, das konnte nur überstehen, weil die Jahre Therapie vorher eine therapeut. Beziehung geschaffen hat, die das aushielt.

All die vielen Termine, Gespräche, Diskussionen – wie haben uns so manches Mal gefetzt, all die vielen kleinen „Beweise“ dass er das mitträgt, dass er da ist, ich mich melden kann usw . – all das gehört dazu, jedes einzelne war ein weiteres Puzzlestück.

Es war ein konstantes „Dranbleiben“ mit viel Unterstützung, einem Therapeuten, der „dranblieb“, wenn ich nicht mehr wollte, der meine „will nicht mehr“ und „macht eh keinen Sinn“ ertrug und wenn ich die Termine nicht mehr ausmachen wollte, weil „es eh keinen Sinn macht“ und ich „eh nur nerve“ – mir die Termine einfach gab.

Er meinte damals, er gibt sie mir – ob ich sie dann wahrnehme oder nicht sei meine Sache. Und ich kam aus dem Pflichtgefühl nicht heraus – denn wenn ich einen Termin habe, hab ich einen Termin – einfach so absagen ging nicht, da musste ich schon zum Sterben sein (und das war ich eigentlich quasi ständig)

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