Ein langwieriger Prozess I

Vor ein paar Tagen wurde ich gefragt, wie es dazu kam, dass es mir heute ja recht gut geht.

Die „letzte“ große Wende war vor einem Jahr – mit dem Umzug.

Die vorherige Wohnung war schlimm – sehr schlimm für mich. Flächendeckend Schimmel an den Wänden, die natürlich auch feucht war, es war ein Kellerloch mit zwei Oberlichtern als einzige Lichtquelle – selbst bei strahlenstem Sonnenschein künstliches Licht.

Das schlimmste für mich war aber die Stromversorgung. Die ganze Wohnung hing an einer Sicherung, wenn der Kühlschrank ansprang, flackerte das Licht. Wenn ich den Wasserkocher anmachte, flog manchmal die Sicherung – das konnte auch beim Toaster passieren oder was auch immer. Im Bad gab es kein Licht, denn da ist mir beim Wechseln der Glühbirne mal die Birne um die Ohren geflogen – das hat natürlich die Lampe geschrottet.

Sicherungskasten hatte ich natürlich keinen – jedesmal musste ich zu den Vermietern laufen, damit die die Sicherung wieder reinmachen – wenn sie nicht da waren: Pech gehabt.

In den gut 10 Jahren die ich da wohnte ist es mir dreimal passiert, dass ich dann sehr lange ohne Strom war, so dass alles in der Tiefkühle entsorgt werden musste.

Schlimm war die Zeit erst die letzten Jahre, Hölle dann die letzten 3 Jahre.

Da es mir auch sonst sehr schlecht ging, war ich nicht in der Lage groß was zu ändern. Zwar habe ich immer wieder Versuche gestartet, mal ein neuer Boden (Teppichboden im Küchenbereich war auch eher die Katastrophe – also fing ich an mit PVC-Boden-Fliesen, kam aber nur bis zum Hauptwohnbereich – die restlichen 4 qm hab ich dann nicht mehr hinbekommen), mal ein anderes Arrangement der Möbel (alles näher als 30 cm an der Wand hieß feuchte Wände) usw. Doch im Endeffekt war alles zu viel.

Die Wohnung hatte insgesamt 25 qm, es war ein Raum und ein sehr kleines Bad. Es gab keinen Platz etwas zur Seite zu rücken oder ähnliches.

Dazu kam natürlich, dass ich dann zu Hause auch nichts mehr hinbekam und die Wohnung zunehmend vermüllte. Vor allem dann im letzten Jahr.

Jedesmal wenn ich nach Hause fuhr, drehte ich ziemlich durch. Ich fühlte mich von der Wohnung verfolgt. So manche Nacht hab ich dann im Wald verbracht, weil ich es einfach in der Wohnung nicht mehr aushielt. Bei Regen und Schnee im Freien war natürlich für meine Gesundheit nicht grade zuträglich.

Drei Jahre lang habe ich dafür gekämpft umziehen zu können – mir war wichtig, dass es nicht zu Lasten der Vermieter ging, also musste ich sowohl den Umzug als auch die Renovierung irgendwie finanzieren.

Oft wurde mir geraten, ich soll einfach ausziehen, da bei mir eh nichts zu holen sei, hätten die Vermieter halt Pech gehabt. Doch das konnte und wollte ich nicht.

Ich habe nach Hilfe gesucht und auch bekommen, sehr viel Hilfe sogar. Trotzdem dauerte es dann noch eineinhalb Jahre bis die Finanzierung stand. Hilfe von Kirche und Staat und natürlich selbst auf die Seite gelegt was möglich war.

Das letzte Jahr in der alten Wohnung war ich dann dreimal stationär. Ich war absolut am Ende.

Natürlich hatte ich auch Angst ob ich mir was vormache. Denn ich war sicher, wenn erstmal die Wohnsituation anders ist. Das war natürlich auch in der Therapie häufig Thema.

Ich fühlte mich nicht sicher, es gab keinen sicheren Ort für mich.

Der Umzug gab mir recht. Kaum war klar, dass ich nie wieder in diese Wohnung zurückmuss, ging es mir um Welten besser.

Die neue Wohnung war die letzte „große“ Wende, es hat so viel verändert.

Aber es war nicht nur die Wohnung. Dadurch, dass ich die Jahre davor dann den ganzen Tag damit beschäftigt war zu „überleben“, Skills anzuwenden und zu schauen wie ich das irgendwie schaffe, hatte ich sozusagen Skillstraining unter Extrembedingungen.

Die Extrembedingungen wurden dann aufgehoben und es wurde klar: dieses Skillstraining funktioniert – und zwar sogar ohne ewigen Kampf darum.

Es ist so als würde ein Läufer mit einem 20 Kilo-Rucksack trainieren – und er schafft seine Strecke, die er sich vorgenommen hat – und plötzlich soll er die selbe Strecke ohne den Rucksack laufen – und es erscheint ihm so einfach. Ist es ja auch – im Verhältnis.

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