V.

Heute wäre sein Geburtstag. Der September war „unser“ Monat – 1996. Wir haben unsere Hochzeit vorbereitet – und stellten dann Ende des Monats fest – dass wir nun alles vorbereitet haben, was man vorbereiten kann. Der Termin wäre am 21. Dezember 1996 gewesen.

Wir hatten angefangen seine Wohnung einzurichten – dort wollten wir hinziehen. Ich hab noch nie – und danach nie wieder – so tolle und lautstarke Streitgespräche in der Öffentlichkeit geführt – wir hatten einen wahnsinnigen Spass.

Er war was besonderes.

Anfang Oktober dann bekamen wir die Diagnose: Morbus Hodgkin. Die Erfolgsaussichten waren gut – über 80 Prozent.

Die erste Chemo hätte er fast nicht überlebt – er wäre fast gestorben. Und er wollte so unbedingt Haare haben auf den Hochzeitsfotos – er war immer so eitel – selbst zum Müll rausbringen musste erstmal 3 Stunden im Bad vor dem Spiegel stehen. Also haben wir die Hochzeit verschoben. Wegen seiner Haare und weil die zweite Chemo kurz vor Weihnachten sein sollte.

Die zweite Chemo überstand er ohne Probleme – ihm war nicht mal übel – dafür schickte er seine Mutter im Dezember auf die Suche nach frischen Erdbeeren. Er war ein katastrophaler Kranker – schon mit Schnupfen zum Sterben und ein schrecklicher Jammerlappen – der sich von Mama verwöhnen lassen wollte 🙂

Im Jänner dann sollte ich ins Krankenhaus – ich wollte nicht – aber die zweite Chemo verlief so gut und wir vereinbarten, dass ich meinen Aufenthalt hinter mich bringe und er die Chemo und dass wir danach heiraten würden.

Ich hab ihn dann nur noch einmal im April gesehen – es war ein Abschied. Die Ärzte gaben ihm noch wenige Wochen – und ich durfte für 3 Tage zu ihm fahren (ok 1 Tag ging für Hin- und Rückfahrt drauf).

Wir haben uns von der ersten Minute an gestritten – ich konnte ihm nichts recht machen. Und so viel Erfahrung ich in der Sterbebegleitung hatte – ich verstand auch seine Wut und alles – aber ich bekam es nicht getrennt.

Also hab ich am 2. Tag meine Sachen gepackt und bin zu einer Bekannten gezogen. Er war sauer. Aber ich hielt die ganze Streiterei einfach nicht mehr aus.

Er verweigerte ans Telefon zu gehen – und irgendwann war ich auch sauer.

Aber ich versuchte weiter ihn zu erreichen – ohne Erfolg. Irgendwann rief ich bei seiner Mutter an. Am 29. Mai 1997 – Fronleichnam – ich kam grad von der Tennisstunde, die im KH angeboten wurde.

Und sie sagte mir, dass sie ihn am Di beerdigt hätten.

Ich war geschockt – ich war so wütend, dass er sich verleugnen lässt und erfahre, dass er am 24. Mai um 17:30 Uhr verstorben ist und am Di beerdigt wurde. Warum hatte mich niemand angerufen?

Die Mutter gab mir die Schuld – wenn ich nicht mit ihm gestritten hätte, hätte er nicht aufgegeben – dabei hatte er schon lange vorher aufgegeben.

Mir sollten wohl Freunde Bescheid geben, doch die trauten sich nicht – immerhin war ich ja in einer Psychosomatik. Doch warum haben sie nicht die Ärzte informiert oder so – wenn sie Angst hatten? So war es sicher nicht besser.

Ich konnte nicht zur Beerdigung.

Als ich im KH die Therapeutin informierte war sie total überrascht – sie dachte er wäre einfach nur ein Freund gewesen, nicht dass da mehr war. Ich war mir sicher, dass sie Bescheid wusste – warum hätte ich sonst diesen Sonderurlaub bekommen können? Aber offensichtlich sah sie das anders.

Heute weiß ich, dass ich ihn nicht geliebt habe – und er mich auch nicht – wir hatten eine Art Seelenverwandschaft – wir konnten über alles reden – es gab kein Tabuthema – und wir hatten sehr viel Spass. Vielleicht waren wir sogar ein bisschen verliebt – aber eigentlich „passten“ wir nur zusammen – wir waren beide so verkorkst – dass wir gar nicht in der Lage waren zu lieben.

Er war ein eitler Tropf – ein liebevoller eitler Tropf – seine Eitelkeit trieb mich oft zum Wahnsinn – er konnte Stunden im Bad zubringen.

Ich vermisse ihn – immer noch. Es tut heute nicht mehr so weh wie damals – denn damals hatte ich keine Zeit für Trauer – doch die letzten 3 Jahre ist es nicht mehr so, dass es wirklich ein Problem ist – es ist halt traurig – aber ich glaube mein Trauerprozess ist abgeschlossen.

Es ist eine Erinnerung – er wird immer einen Platz in meinem Herzen haben.

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